Ist doch seltsam, dass es in vielen Kulturen den Mythos des Drachen gibt, der so frappierend dinosaurierartige Züge hat: Geschuppter Körper, gefährliche Tatzen, langer Schwanz, gespaltene Zunge und ungemein groß und gefährlich. Ungefähr so wie der Tyrannosaurus rex also. Dabei waren die Dinosaurier schon 65 Million Jahre ausgestorben, bevor die ersten Menschen auf die Bühne traten. Menschen können Dinosaurier also niemals gesehen haben. Ist das ein reiner Zufall oder gibt es doch etwas wie ein Gedächtnis an die Dinosaurier?

Noch nie darüber nachgedacht? Dabei ist dies eine spannende Frage, denn an der Grenze zwischen Drachen und Dinosauriern prallen Welten aufeinander.

Bestie vieler Kulturen

Drachen sind Phantsiewesen, zusammengesetzt je nach Kultur aus Schlange und Krokodil, Raubvogel, Wolf, Löwe oder Panther. Meistens haben sie einen geschuppten, langgestreckten Körper, vier Beine, Flügel und einen mit Stacheln bewehrten Schwanz.

Drache von der Insel Rhodus. Aus Athanasius Kirchers ‚Mundus Subterraneus‘, 1665 | © Quagga Illustrations

Drachen können fliegen und Feuer speien. Während sie im ostasiatischen Raum als Glücksbringer und Symbol der Macht gelten, sind sie in fast allen anderen Kulturen der Inbegriff des Chaos, des Bösen und Gefährlichen. Sie sind die Widersacher von Menschen und Göttern. Sie verweigern den Menschen das Wasser, fressen Sonne und Mond. Oft leben sie in einer Höhle, in der sie einen Schatz oder eine Jungfrau bewachen.

Der Kampf gegen Drachen

Doch wo das Böse ist, ist auch der Kampf dagegen nicht fern: In den Drachenmythen gibt es immer den Helden, der den Kampf gegen das Ungeheuer aufnimmt und die Menschen von seinem bösen Einfluss befreit.

Merodach mit dem Drachen kämpfend. Relief aus Nimrud | © Quagga Illustrations

In den christlichen Erzählungen symbolisiert der Drache den Teufel: So sind es nicht reine Körperkraft und List, die dem Helden zum Sieg verhelfen, sondern der unerschütterliche Glaube an Gott. Mit seiner Hilfe gelingt es dem Heiligen Georg, den Drachen zu erschlagen.

Hl. Georgius, Märtyrer, vom Drachen angegriffen | © Quagga Illustrations

Für echt gehalten

Bis weit in die Neuzeit wurde angenommen, dass es sich bei den Drachen um wirklich existierende Wesen handelt. Allerdings, so glaubte man, müssten sie in fernen Ländern existieren. Denn immer wieder brachten verwegene Reisende sagenhafte Geschichten und manchmal auch einzelne Körperteile mit nach Hause, die man unbekannten Ungeheuern zuschrieb. So finden sich Drachen denn auch in verschiedenen naturgeschichtlichen Werken dargestellt, ganz in der Nähe von Tigern, Bären und anderen wilden Tieren. Der Phantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt, denn gesehen hatte die Tiere niemand. Dies war allerdings bei den Elefanten, Löwen und Walen auch nicht anders. Und so tummelten sich eine Reihe von wunderlichen Gestalten in den frühen naturhistorischen Werken.

Land- und Meersungeheuer nach Sebastian Münster, um 1550 | © Quagga Illustrations

Haben Drachen eine reale Grundlage?

Aber gibt es nicht vielleicht doch einen Zusammenhang zwischen den Drachen und den Dinosauriern? Irgendein obskures Wissen um diese teils riesigen, teils gefährlichen Kreaturen, das sich dann im Mythos des Drachen niedergeschlagen hat?

Könnten Echsen wie dieser kleine, heute noch lebende Flugdrache Vorbilder für die mythischen Drachen gewesen sein? | © Quagga Illustrations

Waren es vielleicht schlicht die heute noch existierenden Echsen wie Leguane und Warane oder auch unsere ganz normale Eidechse, die sich die Menschen in ihrer Phantasie überlebensgroß und gefährlich vorstellten?

Entdeckung der Dinosaurier

Bereits vor der Entstehung der Paläologie als Wissenschaft tauchten immer wieder große Knochenfossilien auf, deren Herkunft nur schwer erklärt werden konnte. Sie wurden Phantasietieren zugeschrieben. In China hielt man sie für die Knochen von Drachen und verwendete sie in pulvisierter Form zur Herstellung von Medikamenten. Erst im 19. Jahrhundert konnten spektakuläre Funde zu einem schlüssigen System zusammengesetzt werden. Es war das Jahrhundert der Evolutionstheorie und der Beginn der systematischen Erforschung der Entstehung des Lebens auf der Erde.

‚Hydrarchos‘ – Rekonstruktion einer ‚Seeschlange‘, aus einem Kinderbuch von 1860 | © Quagga Illustrations

Nun brach eine Manie um die Dinosaurier mit ihrer imposanten Größe und ihrer angenommenen Gefährlichkeit aus. Die Paläontologie wurde zu einem Hobby von Erwachsenen und Kindern. Rekonstruierte Exemplare in Museen und Fossilienlagerstätten wurden zu beliebten Ausflugszielen für die ganze Familie. Die Faszination hält bis heute an: Die Dinosaurier haben in unsrer Kulturgeschichte im wahrsten Sinne mächtige Fußabdrücke hinterlassen.

Drache und Dino werden eins

In dem Maße, in dem das Wissen um die ausgestorbenen Riesenechsen wuchs, passierte etwas Merkwürdiges: Nun nahmen die Drachen in den Märchen- und Sagenbüchern immer mehr die Gestalt von rekonstruierten Dinosauriern an – Drachen und Dinos wurden eins. Kein Wunder also, dass Drachen bis heute die Züge von Dinosauriern haben.

Kampf zweier ‚Seedrachen‘ – Illustration aus einem Sachbuch des 19. Jahrhunderts | © Quagga Illustrations

Soweit die säkulare, aufgeklärte Version der Geschichte. Doch es gibt auch Kreise, die die Geschichte der Drachen und Dinosaurier ganz anders schreiben möchten.

Oder gibt es doch eine Verbindung?

Dinosaurier, so die Perspektive der sogenannten ‚Kreationisten‘, wurden erst vor etwa 6.000 Jahren von Gott erschaffen, bevölkerten also zeitgleich mit den Menschen die Erde. Wenn das so wäre, wäre die Sache einfach: Drachen sind Dinosaurier, denn unsere Vorfahren hätten sie mit eigenen Augen gesehen und von ihnen berichtet. Natürlich hätten sie ihre Fähigkeiten ein wenig ausgeschmückt, bis daraus der Mythos der Drachen entstanden war.

Hier beginnt die Geschichte interessant zu werden. Und politisch. Denn die Kreationisten lehnen die Evolutionstheorie ab und halten an der Schöpfungsgeschichte der Bibel fest. Ihrer Meinung nach mussten die Dinosaurier aussterben, weil sie zu groß waren, um auf die Arche Noah mitgenommen zu werden. Es gibt auch die Theorie, dass sie noch immer leben: in unzugänglichen Dschungeln oder den Tiefen des Ozeans nämlich. Oder den Glauben, dass Dinosaurierknochen vom Satan auf der Erde verteilt wurden, um die Menschen von der biblischen Lehre abzubringen.

Starben die Dinosaurier während der Sintflut aus, weil sie nicht auf Noahs Arche passten? (Sintflut. Nach einem Kupferstich von Matthäus Merian zu Gottfrieds ‚Chronica‘ von 1633) | © Quagga Illustrations

An der Frage der Dinosaurier und der Evolution entzünden sich daher die Geister. Denn die spektakulären Funde gigantischer Knochen lassen sich nur schwer leugnen. Und nahezu täglich kommen weitere spektakuläre Fossilienfunde hinzu. Während sich in den USA solche Kreise darum bemühen, die Evolution aus den Schulen zu verbannen, um den Lehren der Bibel zu folgen, ist das bei uns kein Thema.

Gott sei Dank!

Ausgestorben

Warum wir es mit den ausgestorbenen Tieren haben (zum Beispiel dem Quagga!) lesen Sie hier.

Weiterlesen

Einen sehr lesenswerten Beitrag gibt es in der Wikipedia über den Drachen in der Mythologie, mit allem, was Wikipedia so unersetzlich mach: Fundiertem Text, Bildern und vielen Verweisen.

Als Einstieg in das Thema Dinosaurier eignet sich dieser Beitrag von Planet Wissen.

Zum Weltbild der Kreationisten gibt es hier einen spannenden Artikel (in englischer Sprache).